Wie Konzertpianisten ihr Instrument auswählen

Wenn einem Konzertpianisten die Möglichkeit gegeben wird, zwischen mehreren Flügeln zu wählen, ist die Entscheidung selten so einfach wie die Auswahl einer bevorzugten Marke.
Der Pianist wählt einen Partner für eine ganz bestimmte Aufführung.
Ein Instrument, das sich für Ravel perfekt anfühlt, ist möglicherweise nicht die erste Wahl für Brahms. Ein Klavier, das in einem großen Konzertsaal hervorragend projiziert, kann in einem intimen Salon überdimensioniert wirken. Und zwei Instrumente derselben Marke und desselben Modells können völlig unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.
Bei der professionellen Klavierauswahl geht es daher nicht darum, den objektiv „besten“ Flügel im Raum zu finden. Es geht darum, das Instrument zu finden, das dem Pianisten für die jeweilige Musik, die Akustik und den Anlass die größten künstlerischen Möglichkeiten eröffnet.
Die Marke ist nur der Anfang
Die meisten erfahrenen Pianisten entwickeln im Laufe der Zeit persönliche Präferenzen. Manche fühlen sich ganz natürlich zu Steinway hingezogen, andere zu Bösendorfer, Fazioli, Yamaha, Shigeru Kawai oder einem anderen Hersteller.
Diese Präferenzen sind wichtig, erzählen aber selten die ganze Geschichte.
Klaviere sind akustische Instrumente, die größtenteils aus natürlichen Materialien gefertigt werden. Holz unterscheidet sich von Instrument zu Instrument. Hämmer entwickeln sich unterschiedlich. Mechaniken werden unterschiedlich reguliert. Instrumente altern, setzen sich und reagieren individuell auf ihre Umgebung.
Das bedeutet, dass sich zwei Konzertflügel mit exakt derselben Modellbezeichnung deutlich unterscheiden können in:
Klangfarbe;
Widerstand der Mechanik;
Dynamikumfang;
Projektion;
Ausschwingverhalten;
Klarheit;
Basswiedergabe;
Charakter der hohen Lage.
Wer ein Instrument ausschließlich nach dem Namen auf dem Klavierdeckel auswählt, riskiert, den Flügel zu übersehen, der für die jeweilige Aufführung tatsächlich besser geeignet sein könnte.
Das Repertoire verändert die Entscheidung
Das Programm ist einer der wichtigsten Faktoren bei der Auswahl eines Klaviers.
Ein Pianist, der Mozart spielt, wird möglicherweise Transparenz, Artikulation und Kontrolle bei geringer Dynamik priorisieren.
Bei Debussy oder Ravel kann die Fähigkeit, ein breites Spektrum an Klangfarben zu erzeugen, wichtiger werden.
Ein Programm mit Werken von Liszt, Rachmaninoff oder Prokofjew kann eine größere Projektion, Kraft und Stabilität bei intensivem Spiel verlangen.
In der Kammermusik kann sich der Pianist bewusst für ein Instrument entscheiden, das sich natürlich mit Streichern oder Bläsern verbindet, anstatt diese zu dominieren.
Die Frage lautet daher nicht einfach:
Welcher Flügel klingt am besten?
Sondern:
Welcher Flügel eröffnet dieser Musik die größten Ausdrucksmöglichkeiten?
Pianisten hören auf Klangfarben, nicht nur auf Schönheit
Ein schöner Klang allein macht noch kein hervorragendes Konzertinstrument aus.
Professionelle Pianisten brauchen Vielfalt.
Ein Instrument, das konstant einen einzigen attraktiven Klang produziert, kann einschränkend wirken. Der Pianist muss abhängig von Anschlag, Register, Harmonie und musikalischem Kontext unterschiedliche Klangfarben erzeugen können.
Ein starkes Konzertinstrument kann dem Spieler ermöglichen, sich zwischen folgenden Qualitäten zu bewegen:
Wärme und Brillanz;
Intimität und Projektion;
Transparenz und Dichte;
Zartheit ohne Verlust an Klarheit;
Kraft ohne Härte.
Der Pianist sucht nicht nach einem Klavier, das bereits von sich aus schön klingt.
Er sucht nach einem Instrument, das ihm ermöglicht, den Klang zu erzeugen, den er sich vorstellt.
Der Anschlag kann über alles entscheiden
Manchmal ist der entscheidende Faktor überhaupt nicht der Klang.
Es ist die Mechanik.
Der Pianist muss spüren, dass das Instrument unmittelbar und vorhersehbar auf kleinste Unterschiede im Anschlag reagiert.
Dabei können unter anderem folgende Aspekte getestet werden:
sehr leise Anschläge;
schnelle Repetition;
wiederholte Akkorde;
Triller;
große dynamische Veränderungen;
Kontrolle des Legatospiels;
Balance zwischen einzelnen Stimmen.
Manche Pianisten bevorzugen einen höheren Widerstand, weil er ihnen einen gewissen Widerstand gibt, gegen den sie arbeiten können. Andere bevorzugen eine leichtere und schnellere Mechanik.
Auch hier gibt es kein universelles Ideal.
Eine gut regulierte Mechanik sollte Kontrolle ermöglichen. Wie sich diese Kontrolle anfühlen sollte, bleibt zutiefst persönlich.
Pianissimo verrät oft mehr als Fortissimo
Ein kraftvoller Konzertflügel kann sofort beeindrucken.
Professionelle Pianisten erfahren jedoch oft mehr über ein Instrument, wenn sie leise spielen.
Einen lauten Klang zu erzeugen, ist vergleichsweise einfach. Einen extrem leisen Ton zu erzeugen, der dennoch klar und zuverlässig spricht, erfordert sowohl vom Pianisten als auch von der Mechanik wesentlich größere Präzision.
Ein Pianist kann daher prüfen, ob das Instrument:
an der Grenze der Hörbarkeit zuverlässig reagiert;
bei geringer Dynamik sicher repetiert;
eine Melodielinie tragen kann, ohne dass Druck erforderlich ist;
mehrere dynamische Ebenen innerhalb derselben Textur voneinander unterscheiden kann.
Die Fähigkeit zu flüstern kann über einen Konzertflügel ebenso viel aussagen wie seine Fähigkeit, einen ganzen Saal zu füllen.
Projektion ist nicht dasselbe wie Lautstärke
Ein Konzertflügel muss das Publikum erreichen, doch reine Lautstärke ist nicht dasselbe wie Projektion.
Ein Instrument kann am Klavier überwältigend laut wirken und dennoch wenige Meter entfernt an Definition verlieren. Ein anderes kann für den Pianisten weniger aggressiv wirken und sich trotzdem bemerkenswert klar durch einen Konzertsaal tragen.
Die Projektion hängt vom Zusammenspiel verschiedener Faktoren ab:
dem Klavier;
dem Raum;
der Bühne;
der Position des Deckels;
dem Repertoire;
der Anordnung des Publikums.
Aus diesem Grund bittet ein Pianist manchmal eine andere Person, zu spielen, während er selbst in den Saal geht und aus der Perspektive des Publikums zuhört.
Der Klang, den man auf der Klavierbank erlebt, ist nicht zwangsläufig derselbe Klang, den man in der letzten Reihe hört.
Der Raum ist Teil des Instruments
Ein Klavier kann nicht unabhängig von seiner akustischen Umgebung ausgewählt werden.
Dasselbe Instrument kann in folgenden Umgebungen dramatisch unterschiedlich klingen:
einem trockenen Aufnahmestudio;
einem resonanten Konzertsaal;
einem historischen Salon;
einem stark reflektierenden modernen Interieur.
Ein von Natur aus brillantes Klavier kann in einer lebendigen Akustik überwältigend wirken. Ein dunkleres Instrument kann in demselben Raum eine außergewöhnliche Klangfülle entwickeln.
Aus diesem Grund ist die Klavierauswahl letztlich eine Beziehung zwischen Pianist, Instrument, Repertoire und Raum.
Verändert man eines dieser Elemente, kann sich auch die ideale Wahl verändern.
Pianisten testen häufig bestimmte Passagen
Bei der Auswahl eines Flügels müssen erfahrene Musiker nur selten ein komplettes Programm durchspielen.
Stattdessen wählen sie Passagen aus, die bestimmte Eigenschaften des Instruments offenlegen.
Zum Beispiel:
eine lyrische Passage, um den singenden Ton zu testen;
wiederholte Töne, um die Repetition zu prüfen;
dichte Akkorde, um die Klarheit zu beurteilen;
schnelle Passagen, um die Reaktion der Mechanik zu testen;
Basspassagen, um Definition und Kraft zu beurteilen;
sehr leise Stellen, um die Kontrolle zu prüfen;
Höhepunkte, um die Grenzen des Instruments kennenzulernen.
Der Pianist stellt dem Instrument gewissermaßen eine Reihe von Fragen.
Seine Antworten entscheiden darüber, ob es der richtige Partner für die Aufführung ist.
Die Vorbereitung kann die Wahl grundlegend verändern
Der Zustand, in dem ein Pianist ein Instrument zum ersten Mal erlebt, ist von enormer Bedeutung.
Ein hochwertiges Klavier kann einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen, wenn es:
verstimmt ist;
ungleichmäßig reguliert wurde;
schlecht intoniert ist;
stark abgenutzte Hämmer besitzt;
technisch vernachlässigt wurde.
Umgekehrt kann eine hervorragende Vorbereitung Qualitäten sichtbar machen, die zuvor verborgen waren.
Deshalb ist die Arbeit des Konzerttechnikers so wichtig. Stimmen, Regulieren und Intonieren machen aus einem Klavier kein anderes Instrument; sie ermöglichen es dem individuellen Instrument, näher an seinem vollen Potenzial zu spielen.
Die Intonation kann an Künstler und Saal angepasst werden
Bei wichtigen Aufführungen kann die Vorbereitung über eine normale Stimmung hinausgehen.
Ein Techniker kann durch Intonation die klangliche Balance verfeinern – beispielsweise einen zu aggressiven Registerbereich abmildern, die Gleichmäßigkeit zwischen einzelnen Tönen verbessern oder das Instrument besser an die Akustik anpassen.
Das Ziel sollte nicht darin bestehen, einen allgemein gültigen „Konzertklang“ aufzuzwingen.
Es geht darum zu verstehen, was der Pianist von genau diesem Klavier in genau diesem Raum benötigt.
Dieser Dialog zwischen Künstler und Techniker kann zu den wichtigsten Elementen einer professionellen Konzertvorbereitung gehören.
Vertrautheit kann wichtiger sein als Prestige
Wenn mehrere hervorragende Instrumente zur Verfügung stehen, kann sich ein Pianist für jenes entscheiden, auf dem er sich sofort wohlfühlt.
Diese Vertrautheit sollte nicht unterschätzt werden.
Auf der Bühne muss sich der Künstler auf die Musik konzentrieren – nicht darauf, eine unberechenbare Mechanik auszugleichen oder erst herauszufinden, wie sich das Instrument verhält.
Ein Instrument, das sich intuitiv anfühlt, kann daher einem anderen Klavier vorzuziehen sein, das isoliert betrachtet vielleicht beeindruckender wirkt.
Der beste Konzertflügel ist oft derjenige, bei dem der Pianist aufhören kann, über das Klavier nachzudenken.
Warum verschiedene Pianisten unterschiedliche Flügel wählen
Zwei Weltklassepianisten können dieselben Instrumente testen und zu völlig unterschiedlichen Entscheidungen kommen.
Das bedeutet nicht, dass einer von ihnen falsch liegt.
Ihre:
Spieltechnik;
Klangvorstellung;
Repertoire;
Anschlagskultur;
Erfahrung;
ästhetischen Präferenzen
unterscheiden sich.
Ein Pianist kann Möglichkeiten hören, wo ein anderer Einschränkungen wahrnimmt.
Diese Subjektivität ist keine Schwäche des Klaviers. Sie gehört zu den Eigenschaften, die akustische Instrumente so faszinierend machen.
Ein wirklich außergewöhnlicher Flügel muss nicht jedem auf dieselbe Weise gefallen. Er besitzt einen ausreichend starken eigenen Charakter, damit der richtige Pianist eine Beziehung zu ihm entwickeln kann.
Was passiert, wenn keine Auswahl möglich ist?
Natürlich haben reisende Pianisten nicht immer mehrere Instrumente zur Auswahl.
Manchmal steht nur ein einziges Klavier zur Verfügung.
In diesem Fall verändert sich der Prozess von der Auswahl zur Anpassung.
Der Pianist lernt das Instrument kennen, während der Techniker versucht, es so genau wie möglich auf die Bedürfnisse des Künstlers vorzubereiten.
Erfahrene Musiker entwickeln dabei eine bemerkenswerte Fähigkeit zur schnellen Anpassung – sie verändern Anschlag, Pedalgebrauch und körperliche Spielweise entsprechend dem Instrument, das vor ihnen steht.
Wenn jedoch tatsächlich eine Auswahl möglich ist, kann die Wahl des richtigen Flügels die künstlerischen Möglichkeiten einer Aufführung erheblich erweitern.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Konzertpianisten wählen einzelne Instrumente und nicht allein Marken.
Das Repertoire hat großen Einfluss darauf, welcher Flügel am besten geeignet ist.
Klangliche Vielfalt ist häufig wichtiger als ein einzelner schöner Klang.
Anschlag, Repetition und Pianissimo-Kontrolle können entscheidend sein.
Die Projektion sollte im Raum beurteilt werden, nicht nur von der Klavierbank aus.
Eine professionelle Vorbereitung kann die Möglichkeiten eines Instruments erheblich verbessern.
Unterschiedliche Pianisten können völlig berechtigt unterschiedliche Flügel wählen.
Das ideale Konzertinstrument ist jenes, das dem Künstler die größte Freiheit gibt, seine musikalischen Vorstellungen zu verwirklichen.
Warum VIA?
Bei VIA – Piano & Arts Center ist unser Verständnis von Klavieren untrennbar mit der Aufführungspraxis verbunden.
Wir betrachten Instrumente nicht nur als Objekte, die verkauft oder gewartet werden, sondern als Werkzeuge, mit denen Musiker kommunizieren. Das bedeutet, Klang, Anschlag, Regulierung, Intonation, Repertoire und Raum als Bestandteile ein und derselben Gleichung zu verstehen.
Unser Concert Salon in Wien kann für Recitals, Kammermusik, Aufnahmen und andere professionelle musikalische Projekte gebucht werden. Künstler erhalten dabei nicht einfach einen Raum und ein Klavier: Sie können aus den bei VIA verfügbaren Instrumenten den Flügel auswählen, auf dem sie spielen möchten, und so den musikalischen Charakter wählen, der am besten zu ihrem Programm passt.
Die professionelle Vorbereitung des Instruments für die Aufführung oder Aufnahme ist bei der Buchung unseres Concert Salons Teil des Services. Wir bereiten das ausgewählte Instrument entsprechend den Anforderungen des Repertoires, des Künstlers und des Anlasses vor – einschließlich der erforderlichen Stimmung und technischen Anpassungen –, damit das Klavier sein volles Potenzial entfalten kann.
Diese Kombination aus Instrumentenwahl, professioneller Vorbereitung und einer intimen Aufführungsumgebung ermöglicht es Künstlern, sich einem Konzert oder einer Aufnahme mit derselben Aufmerksamkeit für das Instrument zu widmen, die sie auch in einem professionellen Konzertumfeld erwarten würden.
Ob ein Klavier für einen privaten Besitzer, eine Aufführung oder eine Aufnahme ausgewählt wird – unser Ziel bleibt dasselbe: zu verstehen, was der Musiker benötigt, und dabei zu helfen, dass das Instrument diese Anforderungen erfüllt.
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